Literarisches Lernen – Literarisches Unterrichtsgespräch

Literarisches Lernen/Literarisches Unterrichtsgespräch – Was ist das?
Der
Umgang mit literarischen Texten erfordert besondere Kompetenzen.
Bereits vor dem Erwerb der Lesekompetenz kann man literarisch lernen,
indem man durch Hören, mittels oraler Vermittlung, Literatur erfährt. Im
kompetenzorientierten Unterricht geht es darum Fähigkeiten im Umgang
mit Texten zu erwerben, die bei der weiteren Arbeit mit und an
literarischen Texten angewendet werden können. Dieser Transfer muss
gleichermaßen angeregt wie geübt werden. Literarisches Lernen ist nicht
als das bloße Analysieren von Literatur anzusehen, sondern muss auch
Fähigkeiten, wie die Imagination und die Perspektivübernahme mit
einbeziehen. In der Grundschule kann das literarische Lernen im Rahmen
eines Unterrichtsgespräches dem Erschließen von Inhalten, dem Entwickeln
von Vorstellungen, dem Nachvollziehen von Perspektiven der Figuren, dem
vertraut werden mit dem literarischen Gespräch, etc. dienen. 

(Spinner, 2006, 6f)


Das folgende Beispiel für eine Unterrichtsstunde zum Literarischen Lernen entstammt der Unterricchtseinheit:  
Literarisches Lernen anhand der Ganzschrift „Die 3a unter Verdacht“ von Werner Färber.
Die Stunde befasst sich mit dem Thema:  
Literarisches Unterrichtsgespräch zum Problemfeld: „Sag so etwas nicht zu mir!“ – Verletzungen durch Spitznamen und Schimpfworte.



Didaktische Vorüberlegungen, Bezüge zum Rahmenplan, Bildungsplan und den Bildungsstandards

Zum
Inhalt des Deutschunterrichts in der Grundschule auf dem Gebiet des
Lesens und Schreibens gehört unter anderem der Bereich „Lesen und mit
Literatur umgehen“. (HKM, 1995, 92). Kinderbücher und Geschichten werden
von SuS als ein attraktiver Unterrichtsgegenstand angesehen. Sie regen
zum Nachdenken und zur aktiven Auseinandersetzung an. Anhand von Texten,
die speziell für Kinder geschrieben wurden, haben diese die Möglichkeit
Autoren kennenzulernen und erfahren mehr über die jeweiligen
Themenschwerpunkte der Geschichten.
Der Ganzschrift „Die 3a unter
Verdacht von Werner Färber“ ist eine realistische Geschichte, die der
Kinder- und Jugendliteratur zuzuordnen ist. Sie eignet sich besonders
gut, um eine der zentralen Funktionen des Deutschunterrichts zu erfüllen
– Kinder zum Lesen und zur Literatur hinzuführen, da sie
Themenschwerpunkte beinhaltet, die aus der direkten Lebenswelt der
Kinder stammen. (HKM, 1995, 106)

„Beim
Hören und Lesen literarischer Texte beschäftigen sich die Kinder mit
wichtigen, sie bewegenden Fragen und setzen sich identifizierend und
abgrenzend mit literarischen Figuren auseinander.“ (KMK, 2005, 9) Eine
weitere Aufgabe des Literaturunterrichts muss es sein, den Kindern
bewusst zu machen, dass die Rezeption von Literatur nicht nur der
Unterhaltung oder dem Erlangen von Informationen dient, sondern, dass
Literatur Erfahrungen, Gefühle, Wünsche, Ängste und Tabus in Worte fasst
und sie sich in diesem Rahmen damit auseinandersetzen können. Beim
sprachlichen Austausch über Texte wird das metasprachliche Handeln
gefördert. Umgang mit Literatur in der Schule, bietet die Möglichkeit
Kinder für Literatur zugänglich zu machen. (HKM, 1995, 107) (Zukunfts-
und Gegenwartsbedeutung)
Im literarischen Gespräch (das in dieser
Stunde geführt werden soll) soll das Problemfeld der „Verletzung durch
Spitznamen und Schimpfwörter“ anhand dreier Zitate thematisiert werden.
Das Gespräch gründet weniger auf dem Inhalt der Kapitel 4-6 als vielmehr
auf diesem Themenschwerpunkt, der sich in allen drei Kapiteln finden
lässt. Im Anschluss an das literarische Unterrichtsgespräch steht die
schriftliche Weiterarbeit daran. Die Kinder sollen ihre Gedanken
formulieren, einen Ich-Bezug herstellen zw. sich weiterführend mit der
Thematik auseinandersetzen. Diese Form der Arbeit entspricht der
Kompetenz „Lesen – mit Texten und Medien umgehen“ aus den
Bildungsstandards Deutsch, wo im Bereich „Texte erschließen“ davon die
Rede ist, dass SuS eigene Gedanken zu Texten entwickeln sowie zu Texten
Stellung beziehen sollen, was sich nicht ausschließlich auf den
mündlichen Sprachgebrauch beschränken darf. (KMK, 2005, 12)


 

Stundenziel dieser Stunde:
Die
Kinder sollen sich im Unterrichtsgespräch mit dem thematischen
Schwerpunkt auseinandersetzen, indem sie sich in Personen und
Situationen hineindenken und eigene Erfahrungen und Ideen in das
Gespräch einbringen, bzw. schriftlich festhalten.



Textstellen und Zitate:
Für
das literarische Gespräch wurden als Anlass drei Textstellen gewählt.
Anhand dieser sollen die Kinder zum Nachdenken und Sprechen angeregt
werden.
Textstelle rund um das Zitat 1 im Kapitel 4: Ilona
kommt nach Hause und erzählt ihrer Mutter von der Schule. Sie ist
Klassensprecherin geworden. Die Mutter ist sehr stolz darauf. Ilona
erzählt, dass Frederike bei der Wahl geheult hat, weil auf drei Zetteln
„Bloß nicht Frederike“ stand, die Mutter zeigt sich einerseits
verständnisvoll, weil Ilona von ihrer Klassenkameradin genervt ist,
andererseits erklärt sie ihrer Tochter auch, warum Frederike, die sehr
strenge Eltern hat, sich vielleicht so verhält … Zitat 1: „Besi ist
tausendmal netter als Kappes.“ Ilonas Mama seufzt. „Eure neue Lehrerin
heißt Besenbinder und die alte hieß Kohl. Könnt ihr euch nicht endlich
angewöhnen, die Leute bei ihren richtigen Namen zu nennen?“ (Kapitel 4,
Seite 33, Zeilen 13-17)
Textstelle rund um das Zitat 2 im Kapitel 4:
Die Kinder teilen sich Schokoladen, die ihnen Besi zum ersten Tag der
Räuberwoche mitgebracht hat. Die Kinder putzen die Tafel ruckzuck weg
nur Xaver Ippig bekommt nichts ab. Die Kinder lachen als Besi fragt, wie
viele Tafeln sie in einer Woche verputzen würden, wenn sie in dem Tempo
essen. Alle lachen und haben Spaß … Zitat 2: Die Kinder lachen. Sogar
Xaver, der sich sonst immer darüber ärgert, dass er wegen seiner
Körperfülle Üppig genannt wird, obwohl er eigentlich Ippig heißt.
(Kapitel 5, Seite 40, Zeilen 12-15)
Textstelle rund um das Zitat 3 im Kapitel 6:
Einige Kinder der Klasse 3a wollen die Schulleiter, die sie vom
Hausmeister „geliehen“ haben heimlich zurückbringen. Für die „Aktion
Schulleiter“ schleichen sie am Nachmittag in die Schule. Dort treffen
sie auf die weinende Frederike, die ihre Schere in der Schule vergessen
hat und diese holen wollte, weil ihr Vater sonst sehr wütend wird, wenn
er es bemerkt. Jedoch ist leider die Klassentür zu geschlossen und
Frederike kommt nicht an ihre Schere heran … Zitat 3: An der
Klassenzimmertür lehnt Frederike. Sie heult. Auf Zehenspitzen eilen die
Fünf zu ihr hin. „He, Heulsuse, was ist los?“, fragt Ulli. (Kapitel 6,
Seite 50, Zeilen 22-25)



Mögliches Vorgehen und Aufbau einer Stunde mit literarischem Unterrichtsgespräch:
  • mündliche
    Rekonstruktion der Textstellen „rund um“ die Zitate

  • literarisches Unterrichtsgespräch 

  • Arbeitsphase mit Aufträgen

Zu
Beginn der Stunde reproduzieren die Kinder anhand der Zitate, die an
der Tafel hängen, die entsprechende Situation aus dem Text, um sie sich
noch einmal vor Augen zu holen. Zusammen werden inhaltliche
Gemeinsamkeiten der Zitate festgestellt und das Thema für das
literarische Unterrichtsgespräch wird erarbeitet.


Das
eigentliche literarische Unterrichtsgespräch findet im Sitzkreis statt.
Es wird durch Fragen nach positiven und negativen Erlebnissen zum Thema
Spitznamen und Schimpfwörtern eingeleitet. Hierdurch werden die Kinder
angeregt mündliche Beiträge bezüglich ihrer eigenen Erfahrungen
anzubringen. Genannte Spitznamen oder Schimpfwörter werden auf einem
kleinen Kärtchen notiert und den im Kreis bereitliegenden Schilder
„Spitzname“ bzw. „Schimpfwort“ gemeinsam zugeordnet. Nachdem mehrere
Erlebnisse erzählt wurden, werden Bezüge zu den Zitaten und den damit
verbundenen Situationen bzw. Personen aus dem Buch hergestellt. Hierbei
soll deutlich werden, bei welchen Betitelungen es sich um einen
Spitznamen handelt und bei welchen um ein Schimpfwort. Durch das erneute
Herstellen des Ich-Bezugs soll verdeutlicht werden: Spitznamen sind
(meist) nett gemeint und beleidigen den anderen nicht. Schimpfwörter
sind nicht nett gemeint und kränken oder verletzen den anderen. Hierbei
werden die zugeordneten Kärtchen zur Verdeutlichung der Begriffe
herangezogen.  


Die
Arbeitsblätter für die folgende Phase können in Form einer Lerntheke
bereitliegen. Sie sollen dazu anregen einen Ich-Bezug herzustellen,
sich in die Personen hineinzufühlen und Gedanken weiterzuführen, um
Lösungsansätze zu finden sowie Stellung zu beziehen und die eigenen
Meinung zu formulieren und sie zu begründen. Die Ergebnisse werden
vorgelesen, verglichen und diskutiert.
Folgende Möglichkeiten habe ich für die schriftliche Weiterarbeit an der Lerntheke gewählt:














Die Arbeitsblätter enthielten Bilder, die ich 
aus Gründen des Urheberrechts entfernt habe.


Ich
hoffe, man konnte durch meine Ausführungen einen kleinen Einblick in
die literarische Arbeit mit Texten gewinnen. Dies ist nur eine
Möglichkeit das zu tun. Ich persönlich muss sagen, dass sich diese Art
und Weise der Auseinandersetzung mit einer Lektüre sehr lohnt. Sie geht
tiefer und weit über das bloße Abarbeiten von ABs zum Inhalt, Suchrätsel
und Quizfragen zu den Kapiteln hinaus. Die Kinder gehen nach dem
Gespräch ganz anders an die Arbeitsblätter heran und zeigen wirklich
gute Ideen. Klar ist der Aufwand recht hoch, aber es lohnt sich!!!




Literatur:



  • Beschlüsse
    der Kultusministerkonferenz (KMK) (2005): Bildungsstandards im Fach
    Deutsch für den Primarbereich. München: Luchterhand.



  • Hessisches Kultusministerium (HKM) (Hrsg.) (1995): Rahmenplan Grundschule. Wiesbaden: Diesterweg.



  • Spinner,
    K. (2006): Literarisches Lernen. In: Praxis Deutsch – Zeitschrift für
    den Deutschunterricht. Nr. 33 (200). S. 6-17. Seelze: Friedrich.

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